fpg412 – Konzernmanager im Mittelstand – Warum die meisten scheitern! 1/2
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Viele Unternehmer kommen irgendwann an denselben Punkt:
„Ich brauche endlich professionelles Management.“
Sie führen seit 10, 15 Jahren ein Unternehmen. 50, 80, vielleicht 150 Mitarbeiter. Und irgendwann merken Sie: Ich kann nicht mehr alles selbst entscheiden.
Die naheliegende Idee lautet dann:
„Ich hole mir jemanden aus dem Konzern. Von Siemens, Daimler, SAP – die wissen, wie man richtig führt. Die bringen Struktur, Prozesse, Professionalität.“
Klingt vernünftig, oder? Ist es aber nicht. Zumindest nicht in den meisten Fällen.
Nach meiner Erfahrung und auch nach Zahlen, die man dazu findet, scheitert deutlich mehr als die Hälfte dieser Einstellungen innerhalb der ersten 12 bis 18 Monate.
Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster.
Warum ich darüber sprechen kann
Und bevor ich Ihnen erkläre, warum das so ist, lassen Sie mich kurz sagen: Ich kenne beide Seiten. Ich bin Unternehmer. Ich hatte mein eigenes Start-up, habe jetzt ein kleines Unternehmen und arbeite täglich mit KMU-Unternehmern zusammen.
Aber ich habe auch neun Jahre im mittleren Management eines großen internationalen Konzerns gearbeitet. Ich weiß also genau, wie man dort arbeitet und erfolgreich ist.
Das heißt: Ich verstehe beide Welten. Und genau deshalb kann ich Ihnen sagen: Die Unterschiede sind größer, als die meisten denken.
In dieser Folge schauen wir uns an, warum das so oft schiefgeht. In der nächsten Episode zeige ich Ihnen dann konkret, was Sie tun müssen, damit es trotzdem funktionieren kann.

Konzernmanager im KMU
Die drei Kernprobleme
Problem 1: Operative Lähmung durch Konzernlogik
Stellen Sie sich vor, Sie holen einen erfahrenen COO aus einem DAX-Konzern. Top-Lebenslauf. 20 Jahre Erfahrung.
Was passiert in den ersten Wochen? Er sagt:
„Ich muss erst einmal eine saubere Ist-Analyse machen.“
Drei Monate Analyse. Prozesse aufnehmen. Workshops. Präsentationen.
Klingt professionell. Ist es im Mittelstand oft nicht.
Denn während analysiert wird, wartet der Kunde. Während Präsentationen gebaut werden, bleiben Entscheidungen liegen.
Plötzlich gibt es PowerPoint-Präsentationen statt A4-Notizen. Entscheidungen, die Sie früher in 20 Minuten getroffen haben, dauern jetzt drei Wochen. Warum? Weil er erst alle Stakeholder einbinden muss. Weil er eine Task Force gründen will.
Fragen Sie sich selbst: Wie lange dürfen Entscheidungen bei Ihnen liegen, ohne dass es weh tut?
Im Konzern ist Perfektion eine Tugend. Im Mittelstand ist Geschwindigkeit überlebenswichtig.
Das Ergebnis: Geschwindigkeit sinkt, Bürokratie steigt, Ergebnisse bleiben aus.
Problem 2: Realitätsverlust und Ressourcenblindheit
Konzernmanager unterschätzen systematisch, wie wenig Ressourcen ein Mittelständler hat.
Ein Beispiel: Controlling.
Im Konzern gibt es 50 Leute im Controlling. Die machen nichts anderes. Die haben eigene Tools, eigene Systeme, eigene Abteilungen für Forecasting, Reporting, Planung.
Im Mittelstand? Da macht der Kaufmännische Leiter das Controlling nebenbei. Zwischen Rechnungen schreiben, Mahnwesen und dem Gespräch mit der Bank.
Der neue Manager kommt und sagt:
„Wir brauchen ein ordentliches Reporting. Monatlich. Mit Plan-Ist-Vergleich, Abweichungsanalyse, rollierender Forecast.“
Klingt gut. Problem: Wer soll das machen?
„Na, der Controller.“
Welcher Controller? Wir haben keinen Controller. Wir haben einen Kaufmännischen Leiter, der das nebenbei macht – und der ist jetzt schon am Limit.
„Dann müssen wir jemanden einstellen.“
Okay. Budget? 80.000 Euro im Jahr, plus Onboarding, plus Einarbeitung. Und bis der produktiv ist, vergehen sechs Monate.
Das wird nicht passieren. Weil der Mittelständler nicht 80.000 Euro für ein schönes Reporting ausgibt, wenn er das Geld in Vertrieb oder Produktion stecken kann.
Aber der Konzernmanager versteht das nicht. Für ihn ist das „unprofessionell“. Für den Unternehmer ist es Realität.
Gleiches gilt für IT, HR, Qualitätsmanagement – überall.
Konzernmanager sehen, was fehlt. Aber sie sehen nicht, was trotzdem funktioniert. Sie sehen fehlende Prozesse, aber nicht die informellen Strukturen, die es kompensieren. Sie sehen „unprofessionell“, aber nicht „pragmatisch und schnell“.
Das führt zu Frustration auf beiden Seiten. Der Manager denkt:
„Die haben hier gar nichts im Griff.“
Der Unternehmer denkt:
„Der versteht unser Geschäft nicht.“
Beide haben recht. Und beide haben unrecht.
Problem 3: Machtverschiebung durch Koalitionen
Jetzt wird es politisch. Stellen Sie sich vor: Sie holen zwei Manager aus demselben Konzern. Beide kennen sich schon. Beide sprechen dieselbe Sprache. Beide haben dieselben Referenzpunkte, dieselben blinden Flecken.
Was passiert?
Sie bilden eine Koalition. Nicht absichtlich. Nicht böswillig. Sondern ganz natürlich.
Sie reden miteinander – und plötzlich gibt es eine Managementebene, die ihre eigene Logik entwickelt. Eine Ebene, die Sie nicht mehr vollständig kontrollieren.
Strategische Diskussionen werden politisch statt unternehmerisch. Entscheidungen werden abgestimmt, aber nicht mit Ihnen, sondern untereinander. Sie werden zum Moderator. Nicht mehr zum Entscheider.
Das ist der Punkt, wo Sie die Kontrolle über Ihr eigenes Unternehmen verlieren.
Ich habe das mehrfach erlebt. Unternehmer, die gesagt haben:
„Ich fühle mich wie ein Gast in meiner eigenen Firma.“
Das ist keine Übertreibung. Das kann passieren.
Und das ist der Grund, warum ich sage: Wenn Sie zwei Manager aus demselben Konzern holen, ist das Risiko maximal. Überlegen Sie sich das gut.
Warum das passiert
Jetzt fragen Sie sich vielleicht:
Warum machen die das? Sind die dumm?
Nein. Sie sind nicht dumm. Sie sind falsch geprägt.
Die Konzernprägung
Wer 15 oder 20 Jahre im Konzern gearbeitet hat, trainiert bestimmte Reflexe: Absichern. Gremien einbinden. Prozesse befolgen. Dokumentieren. Konsens herstellen.
Das ist im Konzern richtig. Bei 50.000 Mitarbeitern brauchen Sie das.
Aber im Mittelstand ist genau das Gift. Mittelstand ist wie ein Schnellboot.
Im Mittelstand brauchen Sie jemanden, der sagt:
„Ich entscheide jetzt – mit 70 Prozent Information und ich übernehme dafür die volle Verantwortung.“
Nicht jemanden, der sagt:
„Lass uns das nochmal in einem Workshop diskutieren.“
Das ist keine Unfähigkeit. Das ist Fehlpassung.
Kultur wird unterschätzt
Viele Konzernmanager sehen überall Defizite: Fehlende Prozesse, fehlende Strukturen, fehlende Standards.
Was sie nicht sehen: Die Kultur, die das kompensiert. Sie sehen nicht, dass das Unternehmen nicht trotz, sondern wegen dieser vermeintlichen Unzulänglichkeiten erfolgreich ist.
Im Mittelstand funktionieren viele Dinge informell. Der Vertriebsleiter weiß, was die Produktion kann. Der Produktionsleiter weiß, was der Kunde will. Man redet miteinander. Man entscheidet gemeinsam: Ohne Prozess, ohne Meeting, ohne Protokoll.
Das ist nicht unprofessionell. Das ist effizient.
Er will überall klare Schnittstellen definieren, für alles und jeden Verantwortlichkeiten klären, detaillierte Prozesse aufsetzen. Es fehlt da häufig das Bauchgefühl für was ist notwendig und sinnvoll und was ist nur bürokratischer Ballast.
Das Ergebnis: Was vorher funktioniert hat, funktioniert jetzt nicht mehr – oder nur noch sehr langsam.
Das Loslassen-Problem des Unternehmers
Und jetzt kommt der unbequeme Teil: Oft liegt das Problem auch bei Ihnen, dem Unternehmer.
Viele Unternehmer holen einen Manager, aber können nicht wirklich abgeben. Sie sagen:
„Du bist jetzt COO. Du entscheidest.“
Aber in der Praxis? Da ruft der Vertriebsleiter trotzdem beim Unternehmer an. Da entscheidet der Unternehmer über den Kopf des COO hinweg.
Das führt dazu, dass der Manager unsicher wird. Er wartet auf Freigaben. Er traut sich nicht zu entscheiden.
Oder das Gegenteil: Der Manager übernimmt zu viel. Der Unternehmer fühlt sich entmachtet. Und dann kommt der Rückzieher.
Beide Extreme führen zum Scheitern.
Die richtige Frage?
Die Frage ist also nicht:
„Sind Konzernmanager gut oder schlecht?“
Die Frage ist:
„Unter welchen Bedingungen kann das funktionieren – und was muss ich konkret tun?“
Genau darum geht es in der nächsten Folge.
Ich zeige Ihnen die harten Entscheidungskriterien, also wann Sie es lassen sollten und wann Sie es wagen können. Und vor allem: Was Sie konkret tun müssen, damit es nicht scheitert.
